Ging es dir auch schon einmal so. Vertrauensselig hast du dich auf andere Christen eingelassen, weil die ja den lieben Gott lieb haben. Und schwupp hast du eine herbe Enttäuschung erlitten oder konntest nur mit dem Kopf schütteln und sagen: “Das hätte ich gerade bei einem Christen nie und nimmer gedacht.” Das ging wohl Pjone auch so. Sie schreibt (vielleicht auch er) in ihrem Kommentar zu dem Artikel “Wie würde ich einen Mann erobern, wenn ich eine Frau wäre” über ihre Erlebnisse mit einer christlichen Singlebörse das Folgende:
Echt schade, denn gerade von einem christlichen Anbieter hätte ich mehr Menschlichkeit erwartet.
Ich musste beim Lesen spontan an den christlichen Reiseanbieter denken, den ich vor zwei Wochen angeschrieben habe. Eine kurze Anfrage mit ein paar (wahrheitsgetreuen) Informationen, nichts wovon ich gedacht hätte, dass es große Emotionen auslösen könnte.
Total geschockt fand ich am nächsten Tag eine Email in meinem Postfach, worin ein “netter Herr” mich ziemlich wortwörtlich der glatten Lüge bezichtigte und mir riet, wenn man es mal der äußeren Fassade entledigt, dass ich mich schlecht und minderwertig fühlen solle. Dies natürlich formuliert als “guter” Rat-Schlag: “Ich an Ihrer Stelle würde …” Auch meine Reaktion war: “Mensch, ausgerechnet bei einem Christen. Vonwegen Reisen ins Heilige Land.”
Wenn ich mich an Gespräche erinnere, die ich mit enttäuschten Christen geführt habe, dann fallen mir noch viele andere Dinge ein:
- Der christliche Arbeitgeber, der einem gekündigt hat und es locker in die Top Ten der schlimmsten Chefs in Deutschland schaffen würde. Im Vertrauen auf die “Bruderschaft” hast du ihm private Dinge erzählt, die er fortan gnadenlos und kaltblütig gegen dich einsetzt. Als Christ erwartet er als Ausgleich dafür natürlich mehr Leistung. Deine “finanziellen Ansprüche” dagegen findet er völlig überzogen. In der Gemeinde machen Sie es ja auch ehrenamtlich für ein “Gott vergelts”. Und ganz nebenbei bemerkt, ist er natürlich der festen Überzeugung, dass Gott ihn finanziell als christlichen Arbeitgeber mächtig segnen will. ER ist ja schließlich Christ und ein Kind Gottes.
- Der christliche Arbeitnehmer, den du eingestellt hast, damit er wieder eine Chance bekommt und der sich jetzt auf das Prinzip “Gnade” beruft. Wozu Leistung bringen? Es war ja schließlich Gott, der ihm einen Arbeitsplatz verschafft hat. Bei Arbeitsaufgaben, die du als Chef erteilst, geht er dann erst einmal den Pastor fragen, ob man das so überhaupt machen müsse. Und natürlich bespricht er das (und überhaupt deine ganze Geschäftspolitik) auch mit vielen anderen in der Gemeinde.
- Der christliche Freund, der sich Geld geliehen hat und es dir nicht mehr zurückzahlen will. Vielmehr fühlt er sich jetzt gerade dazu “geführt”, anderen einmal die Wahrheit über dich und deinen Charakter zu offenbaren.
- Die sogenannte christliche Ehefrau, die launischer ist, als drei Frauen aus der “Welt” zusammen. Holy Moly und sanft in der Gemeinde, aber der Exorxist persönlich in den eigenen vier Wänden. Eine Frau, bei der deine Fehler und Sünden ganz sicher nicht in der tiefsten Tiefe des Meeres verschwinden, sondern ein Mensch, der dir besser als jeder Historiker deine Fehlerbiographie im Detail interpretieren kann. “Schon damals in der Krümelsituation XY vor 7 Jahren hätte ich wissen müssen, dass du keinen Charakter hast … “
- Der christliche Ehemann, dessen “Christusähnlichkeit” sich leider kaum von der des “Terminators alleine in Afghanistan” unterscheiden lässt und dessen (‘Ess-)Manieren mit denen von Bud Spencer durchaus mithalten können. Einen Mann, den du manchmal gerne in ein Bootcamp für missratene Jugendliche stecken würdest. Täglich siehst du sein Bauarbeiter-Dekolltee. Wenn du dir die Supernanny im Fernsehen anschaust, weisst du nicht, ob sie über deinen Mann oder über fremde Kinder reden.
- Jahrelang hast du andere aus der Gemeinde eingeladen. Alle kamen gerne. Jetzt wunderst du dich, dass wenn es dir mal nicht so gut geht, dass du nie eine Gegeneinladung bekommen hast.
- Der Mann, der alle Gemeindedienste machte, auch die, die sonst keiner gerne machte. Samstags morgens war er da beim Putzdienst, wenn keiner so richtig Lust hatte. Bei seiner Beerdigung war die geistliche Elite der Gemeinde (Gebetsfrühstück) und die anderen (bis auf fünf Leute ) leider verhindert.
- Derjenige der im Hauskreis Gebet bei seinen lieben Geschwistern gesucht hatte. Im Gebet aber dann nur die Meinung gegeigt bekommen hat. Die Gebetsinformationen wurden natürlich ganz vertrauensvoll an alle anderen weitergegeben.
- Das Seelsorgegeheimnis, von dem du ausgegangen bist, und dann mitbekommen hast, dass deine Probleme im Kollegenkreis der Ältesten (und ihrer Frauen) “fachmännisch” diskutiert werden. Das nächste Mal gehst du wohl lieber zu einem gemeindefernen, weltlichen Psychologen.
- Der Gebetskreis, der dich regelrecht im Gebet mit geistlichen Flüchen belegt, weil du angeblich gegen den Pastor rebellierst.
- Du erzählst einem Christen eine Idee von dir, nur um dann festzustellen, dass er dir sie “klaut” und dafür die Lorbeeren erntet. Später ist er dann mit dir beleidigt und schneidet dich.
- Du förderst jemanden und hilfst ihm in den verschiedensten Bereichen, die Türen zu öffnen. Bei der erstbesten Gelegenheit verdrängt er dich dann und nimmt deine Position in diesen Bereichen ein. Erstaunt hörst du von anderen, dass dein Name in diesem Zusammenhang noch nie von ihm erwähnt wurde.
- Andere haben dich gerne wie als selbstverständlich als “Indianer” für ihre geistlichen Projekte FÜR DEN HERRN genommen. Ganz empört waren sie dann aber, als du sie gefragt hast, ob sie dich einmal unterstützen. Trotz der “großen Freundschaft” waren sie plötzlich nicht mehr greifbar. Am meisten schmerzt dich diese leichtfertige Selbstverständlichkeit.
Die Beispiele sind reale Begebenheiten bzw. echt empfundene Erlebnisse von Christen, die ich kenne. Die Liste könnte ohne Mühe noch fortgesetzt werden. Auch mit Beispielen aus der Bibel. Hiob zum Beispiel hatte auch “christliche” Freunde. Als es ihm schlecht ging kamen die zwar wenigstens vorbei. Doch was alles musste er sich von ihnen anhören.
Hier nur ein kurzes Beispiel aus dem Buch Hiob: “Du hast anderen Ratschläge erteilt, Hiob, und wie kommt es dann, dass du jetzt selbst in solche Umstände geraten bist?! Da passt doch was nicht zusammen. Anderen Seelsorge geben wollen und sich selbst nicht helfen können.”
Sicherlich kann man die oben beschriebenen Situationen mit jedem anderen Menschen erleben. Besonders enttäuschend sind diese Erlebnisse aber deswegen, weil man von einem Christen mehr erwartet hätte.
Enttäuschend auch dann, wenn man sich rational die folgenden Dinge vor Augen hält. Es tut einfach weh:
- Christen sind nicht besser, sondern nur besser dran, weil Gott ihnen vergibt und ihnen weiterhilft.
- Andere Christen helfen dabei mit, deinen Charakter zu formen – auch durch negative Situationen. Sie sind Gottes Werkzeuge dafür.
- Enttäuschungen mit Christen lehren dich, deinen Blick immer mehr auf Christus selbst zu richten.
Wenn du ähnliche Dinge erlebt hast, dann schreibe mir doch eine Email. Wenn du möchtest, bete ich für dich.
Gerne könnt ihr mir auch Berichte schicken, wie ihr mit solchen Erlebnissen umgegangen seid und was ihr daraus gelernt habt.
Günther, Cafe Inmeinerstrasse
Bild: Smithy, © pixelio.de
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Ich überlege seit Tagen, ob ich (Nichtchrist) diesen Beitrag kommentiere. Ich habe in meinem Leben reichlich mit “Christen” zu tun gehabt. Und wenn ich das mit Anführungszeichen schreibe, dann meine ich nicht die Leute, die per Kindertaufe zu Kirchenmitgliedern gemacht wurden, sondern die von der bekennenden Fraktion (evangelikal, charistmatisch, pietistisch etc.).
Der Anteil an moralisch fragwürdigen Verhaltensweisen – wie die oben beschriebenen – scheint mir unter bekennenden Christen weiter verbreitet zu sein als unter Otto Normalverbraucher – oder anders gesagt: Unter meinen atheistischen Bekannten finde ich im Schnitt in deren Lebensführung höhere ethische Standards realisiert als unter “bekennenden Christen”.
Da möchte ich dann gar nicht so genau wissen, was Leute erleben, die sich in ihrem Leben überwiegend in diesen Kreisen bewegen.
Mir persönlich geht es so, dass man einfach mehr erwarten würde. Deshalb ist die Enttäuschung dann größer als wenn jemand genau das gleiche macht, den man das eh zugetraut hat. Das habe ich z.B. auch bei Geschäftskollegen bemerkt, wo es ja nicht um Christliches ging.
Meine Erfahrung ist schon, dass mir durch den Umgang mit Christen einiges auch erspart geblieben ist. Das finde ich sehr Positiv. Andererseits fände ich es zu einseitig nur mit einer Gruppe Mensch zu tun zu haben. Nichtchristen habe ich immer wieder als Tolle Bereicherung erlebt. Auch wenn da auch nicht immer alles Gold ist was glänzt. Beide Gruppen gehören einfach zur selben Gattung Mensch
@ Noga – Aber denoch kann ich mir lebhaft vorstellen, was du alles so erlebt haben könntest. Vielen Dank für die lebhafte Schilderung der Eindrücke.
Ja klar – erwartet man mehr, nämlich daß die Leute sich nach den Standards verhalten, die sie selber proklamieren.
Ich denke da an den (noch) Berliner Bischof Wolfgang Huber – zugleich Ratsvorsitzender der EKD. Vor einigen Tagen war er wegen eines Prozesses um die Sonntagsöffnungszeiten in Karlsruhe, worüber ausführlich im Tagesspiegel berichtet wurde.
Ich bin auch dafür, daß der Sonntag ein freier Tag ist und bleibt für möglichst viele Menschen. Das finde ich ein kulturelles Gut – unabhängig vom religiös-weltanschaulichen Standort.
Eine gute Bekannte von mir wohnt in Sichtweite der Marienkirche, die ja die Bischofskirche von Bischof Huber ist. Von just dieser Kirche wurde jahrelang der Turm renoviert besser gesagt: Die ganze Woche passierte meist so gut wie gar nichts, aber am Sonntagnachmittag waren regelmäßig Renovierungsaktivitäten ausländischer Bauarbeiter zu beobachten.
Bischof Huber, der überall gegen Sonntagsarbeit auftritt, ob in Predigten oder in der Berliner Abendschau, wurde mehrmals darauf hingewiesen, was sich sonntags an der Marienkirche tut. Geändert hat sich nichts.
Ich erwarte von jemand, der sich öffentlich für bestimmte Verhaltensweisen einsetzt, daß er die erst einmal in dem Bereich praktiziert, für den er verantwortlich ist, erst recht in leitender Position.
Meine Bekannte spricht mehrere osteuropäische Sprachen und hat sich mit den Bauarbeitern über ihre Entlohnung und über ihre Lebensbedingungen unterhalten. Ich sage nur, daß ich darauf hier an dieser Stelle nicht eingehe, denn das würde dem Ganzen noch die Krone aufsetzen. Bischof Huber war nämlich vor dem Antritt seines Bischofsamtes Professor für Sozialethik. Und eine Institution wie die EKD, die sich auch zu sozialethischen Fragen äußert, sollte da erst einmal selber Standards setzen.
@Noga
Dein Beispiel zeigt, so finde ich, dass Religion Menschen gar nicht bekommt. Unter Religion vestehe ich, dass man aus bestimmten Gründen etwas darstellen und gewisse Leistungsstandards einhalten will. Schon Paulus schreibt in Römer 7 sehr eindrucksvoll, wie das einen Menschen innerlich zerreissen kann und eigentlich unmöglich ist. Und dasselbe Bild wird dann natürlich nach ausssen abgestrahtlt. Das ist wie sich aus dem Sumpf ziehen mit einem Hollywood-Lächeln auf den Lippen. Christentum und die Botschaft Jesus ist für mich viel´eher eine Botschaft, die der Menschheit zeigt, dass solche hehren religiösen Bemühungen endgültig gescheitert sind. Wenn mans weiss, lebt es sich befreiter. Leider kommt es dann in der Kirchengeschichte dann dazu über dieses Versagen ganzvolle Kathetralen und wunderbare geistliche und würdige Ämter zu bauen. Das ist ja auch alles nicht schlecht. Es gibt ja tolle Kirchengebäude und Führungspersonal sicherlich auch notwendig. Aber in Situationen wie du sie beschreibtst, spürt man diesen Widerspruch dann doch. Vorallem wenn diese Kathetralen auf dem Schweiss anderer gebaut sind, und in denen dann Sonntagsreden gegen soziale Kälte gehalten werden.
Ich halte mich an den Satz von Jesus: “An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.” Christen sollen sich dieser Welt nicht gleichstellen, auch nicht versuchen selbst Heiliger Geist zu spielen
Gott legt einen besonders hohen Wert auf Charakter und jedes gesprochene Wort wird bei ihm tatsächlich wie Gold gewogen. Wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen müssen, jetzt ist noch Zeit Buße zu tun, sowie von vielen verschiedenen Lehren umzukehren und sich alleine an die Bibel zu halten.