Gestern habe ich öfters über meinen eigenen Artikel “Das hätte ich einem Christen nie zugetraut …“ nachgedacht. Beim Spazierengehen am See, beim Zähneputzen und beim Sprechen mit anderen. Meine innerliche Frage war, welche Antworten kann man auf die beschriebenen Situationen von persönlichem und geistlichem Missbrauch durch Christen finden, die ich gestern beschrieben habe?
Vor allem Antworten, die jenseits der stereotypen christlichen Klischees sind. Denn Klischees helfen nicht. Klar, vergeben und den anderen lieben ist wichtig. Aber beides ist eine Kunst, die eingeübt und erlernt werden muss. Als Floskeln sind die beiden Begriffe nur Worthülsen, die nichts und niemanden weiterbringen.
Aber auch das Hausieren mit den eigenen Verletztungen durch andere Christen, das oft auf einschlägigen Internetforen zu finden ist, trägt wahrscheinlich nur begrenzt zu einer persönlichen Lösung bei. Immer wenn ich punktuell auf solchen Foren Geschichten gelesen habe, kamen nach den ersten anfänglichen Aha-Erkenntnissen ein schaler Beigeschmack und schließlich jede Menge schlechter Gefühle über die Welt, das Christentum und die Christen im Speziellen.
Hier die Gedanken, die mir gestern am Tegeler See so kamen. Betrachtet die kleine Liste im Folgenden eher als Thesenpapier, das jeder für sich selbst weiterentwickeln kann. Jeder tickt etwas anders. Was dem einen hilft, kann für den anderen ganz anders aussehen.
- Gemeinde ist nicht Hollywood: Wir brauchen andere Christen, egal wieviele Schwierigkeien sie uns bereiten. Ja, vielleicht ist es besser, einen schlechten Pastor und einen unerträglichen Ehemann zu haben als keinen. Wir brauchen Reibung, sonst kommen wir nicht voran. Das ist wie beim Laufen und dem Profil deiner Schuhe, die die notwendige Bodenhaftung auf die Straße bringen.
- Gemeinde hat Züge einer ehelichen Gemeinschaft: Das ganze ist vielleicht wie in einer Ehe. Eine gegenseitige Aufrechnung von Fehlern hilft nicht weiter. Vielmehr muss man darauf achten, dass das Gefühlskonto durch viele kleine Erlebnisse mit anderen Christen im Habenbereich liegt. Gegenseitige Verletzungen werden dann viel weniger hoch bewertet. Das erklärt auch, warum engagierte Mitarbeiter oft viel weniger murren als Gemeindeglieder, die immer etwas abseits stehen. Engagierte Menschen haben in der Regel viel mehr Gelegenheiten, auch positive Erlebnisse mit anderen zu machen als dies bei distanzierten Menschen der Fall ist.
- Hart aber herzlich: Oft ist es viel einfacher mit bestimmt auftretenden Menschen umzugehen, die ihre Interessen und Abneigungen klar zum Ausdruck bringen. Bei supersanften Menschen werde ich immer misstrauisch, weil ja am Ende auch diese Menschen Bedürfnisse habe. Sich diese Rechte zurück zu erkämpfen ist schwieriger als gleich deine Position klar zu machen. Je früher du deine Position in einer Gemeinde klar machst, desto einfacher wird es im Nachhinein. Falsche Demut trägt wahrscheinlich neben falsch verstandener Autorität zu den meisten Enttäuschungen innerhalb einer christlichen Gemeinschaft bei.
Aus dieser Sicht könnte es in vielen Situationen, die gewisses Maß an Verletzung nicht übersteigen (sicherlich nicht in jeder Situation) besser sein, sich zuzuwenden anstatt sich abzuwenden, Beeinflussung weiterhin zuzulassen anstatt sich völlig abzugrenzen, und dem anderen in Worten und Taten Ehre zu erweisen, anstatt nur die Kritik in den Vordergrund zu stellen. Ich finde es auch legitim Probleme klein zu reden und eine gelassenere Haltung einzunehmen, die nicht alles extrem wichtig nimmt.
Das mag zunächst etwas paradox klingen, führt aber auf Dauer meiner Einsicht nach zu mehr Heilung und zu mehr Entwicklung deiner Persönlichkeit.
Günther, Cafe Inmeinerstrasse
Bild: © Jens Bredehorn, pixelio.de
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