Gestern habe ich lange mit einem Bekannten hier in Berlin geredet. Erst am Telefon, dann haben wir uns persönlich getroffen. Mein Bekannter ist schon eine ganze Weile Hartz 4-Empfänger. Zufällig hatte ich vor dem Gespräch die neue Armutsstatistik gelesen. Berlin ist die Armutshauptstadt in Deutschland Nr.1 war da zu lesen. Nirgendswo in Deutschland leben so viele Menschen von Hartz 4. Mein Bekannter ist also kein Einzelschicksal hier in Berlin.
Beim Zuhören seiner Schwierigkeiten fiel mir unweigerlich der biblische Glaubensheld Abraham aus dem Alten Testament ein. Mir wurde fast schlecht bei dem Gedanken, dass es meinem Bekannten wie Abraham ergehen könnte: Ein langes Leben lang auf ein Eingreifen Gottes warten müssen.
Immerhin hatte Abraham ein halbes Leben darauf gewartet, dass das, was Gott ihm persönlich zugesagt hatte, in Erfüllung geht und Realität wird. Natürlich hatte Abraham Gott zwischendurch immer wieder einmal erlebt, doch sein zentraler Wunsch war es, einen Sohn zu bekommen.
Gott hatte Abraham in einem Traum zugesagt: “Ich werde dich segnen, du wirst einen Sohn bekommen und ich mache deine Nachfahren so zahlreich wie die Sterne am Himmel. Durch dich werden viele Völker gesegnet werden.” (1. Mose 12). Erst mit fast hundert Jahren hatte Abraham dann einen Sohn bekommen.
Gleichzeitig wurde mir aber beim Nachdenken auch bewußt wie groß der Glaube Abrahams wirklich an Gott gewesen sein musste. Es ist sicherlich nicht verwunderlich, wenn man eine Zusage Gottes nach ein, zwei, drei, vier oder fünf Jahren aufgibt, wenn nichts passiert. Doch Abraham konnte auch noch nach zehn und mehr Jahren sagen: Gott wird mir einen Sohn geben und mich segnen. Mir wurde der ungeheuere Mut dieses Mannes klar, als ich seine Situation auf meinen Freund, der Hartz 4 bezieht, übertrug.
Mein Bekannter müsste dann sagen: Gott hat mir großes finanzielles Wohlergehen versprochen. Da gibt es keinen Zweifel daran. Wenn er es sagt, wird es so kommen. Sicherlich eine gute Einstellung für ein paar Jahre. Aber was ist, wenn man dann schon kurz vor der Rente ist, und sich immer noch keine neuen Möglichkeiten aufgetan haben.
Wäre es da nicht gerecht, dass dann jemand wütend und verbittert auf Gott wird und schreit: “Du hast mir nicht geholfen. Ich will dich nicht. Du hast mein Leben zerstört.”
Doch Abraham reagierte nicht so. Er blieb weiterhin der Freund Gottes. Eine Auszeichnung, die nur zwei Personen in der Bibel zuteil wird. Was war wohl sein Geheimnis. Sicherlich war eines seiner Geheimnisse, dass er in seinem Glauben und in seiner Gewissheit friedevoll ruhte.
Abraham musste nicht ständig mit Gott um die einmal gemachte Zusage kämpfen. Er kämpfte nicht im Gebet um eine erneute Zusage nach dem Motto:
“Bitte, bitte, gib mir was du mir versprochen hast. Versprich es mir bitte noch einmal, damit ich ganz sicher sein kann. Ich flehe dich an. Schau doch nur, wie ich dich anbettele …”
Es war wie wenn Abraham die Geschichte rückwärts betrachten konnte. Heute wissen wir, dass drei Weltreligionen bei Abraham ihren Ursprung haben. Wir wissen, dass sich buchstäblich Millionen von Menschen auf ihn als seine Nachkommen berufen. Für uns ist es einfach zu glauben. Doch das Beeindruckende ist, dass es Abraham schon damals ganz genauso empfand und einfach dankbar dafür war.
Ich fange an zu zweifeln, ob das heute noch so funktionieren kann und beginne, mich wieder auf das Gespräch mit meinem Bekannten zu konzentrieren. Ist Gott wirklich etwas für einen Hartz 4-Empfänger? “Mir kommt der blöde Spruch in den Kopf: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.” In meinem Herzen weiss ich allerdings, dass dieser Spruch das genaue Gegenteil dessen ist, was Abraham erlebt hat. Gott war wirklich seine Hilfe.
Auf dem Heimweg bewegt mich immer noch dieser “doofe Abraham”. Ich spüre, dass es sich lohnt, das Geheimnis seiner Kraft zu entdecken. Egal in welchen Umständen man gerade stecken mag. Die Quelle dieser Kraft von Abraham ist, wie mir in den Sinn kommt, die Freundschaft mit Gott.
Zuhause angekommen verspüre ich weiterhin nicht das große Bedürfnis, dem Hartz 4-Bekannten über die Kraft des Glauben zu predigen. Doch für mich persönlich beschließe ich, dass ich diesen Gott Abrahams immer besser kennen lernen möchte. Ich bin plötzlich dankbar für dieses herausfordernde Beispiel in der Bibel, das mich kurz zuvor noch so sehr geärgert hat.
Jetzt fallen mir auch die anderen Erlebnisse Abrahams wieder genauer ein. Gott hat Abraham ja auch beim Streit um Brunnenrechte, bei seinen Herden und Schwierigkeiten mit seiner Frau geholfen. Gott war immer wieder mit Abraham gewesen und hatte ihm Stück für Stück weitergeholfen.
Ich hoffe, dass mein Bekannter es schaffen kann, seinen Blick von seinem größten Problem – der Arbeitslosigkeit – zu lösen, um dann im Alltag Stück für Stück Gottes Eingreifen zu erleben. Und wer weiss, vielleicht führt dies bald zu einer neuen Arbeit.
Günther, Cafe-Inmeinerstrasse.de
Zeitartikel: Gottes Arbeitsamt
Bild: Rainer Sturm; © pixelio.de
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