“Huhu, ich bin durch die Anzeige bei Kijiji auf die Möglichkeit eines Interviews gestossen und möchte spontan mitmachen. Ich heisse Jeannine, bin 31 Jahre alt und lebe in Tempelhof.”
1. Welches Erlebnis verbinden sie besonders mit Berlin? Was ist ihr Lieblingsplatz in Berlin?
Mit Berlin verbindet mich am meisten das Ortseingangsschild und die Stadtautobahn A 100. Ich verlasse Berlin recht oft für Kurzbesuche, halte es aber nie lange aus.
Die Menthalität der Berliner und die Atmosphäre hier ist einfach einzigartig. Wenn ich am Ortseinganggsschild BERLIN vorbeifahre, denke ich sofort “Berlin hat mich wieder!” Auf der A100 gehts dann weiter ins Stadtinnere. Wenn man Spandau passiert, sieht man ein besonderes Panorama von der Autobahn aus. Die Altbauten erheben sich links und rechts und man hat das Gefühl: Die Autobahn fährt durch ihr Tal. – Das finde ich sehr beeindruckend. Jedes Mal aufs Neue.
2. Haben Sie ein Lieblingsgericht und ein Lieblingsbuch?
Mein Lieblingsgericht ist indisch und heißt Malai Kofta. Das sind Lotuswurzelbällchen in Currysahnesauce.
Mein Lieblingsbuch ist natürlich “Herr Lehmann”, denn dieses Buch spiegelt wirklich viel von der Berliner Mentalität wieder.
3. An welche Worte ihrer Eltern erinnern Sie sich am besten? – Wie waren ihre Eltern?
Meine Eltern sind aus der Öko-Hippi-Welt übrig geblieben, so gabs bei uns levitiertes Wasser (doppelt und dreifach gefiltert, dafür fährt man extra nach Zehlendorf), Biobrot von der Ufa-Bäckerei und nicht zu vergessen zu Tschernobyls Zeiten die Biomilch, weil da die Beccerellzahl abzulesen war, also wie hoch sie verstrahlt ist. Mein Vater redete immer von Verschwörungstheorien und Dingen, die von der Politik dem Volk verheimlicht werden.
Auch der Spruch: “Arbeit ist Volksversklavung und Masse ist Kacke”, wurde ganz gern genannt. Meine Mutter war da ruhiger und sein Gegenpol, damit er nicht übertreibt.
4. Was waren die wichtigsten Stationen in ihrem Leben? Was waren konkrete, prägende Erlebnisse und Erfahrungen?
Prägend war meine Grundschulzeit. Einfach furchtbar, weil wir Kinder als Freidenker erzogen wurden und natürlich der Gesellschaft nicht angepasst genug funktionierten. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Nicht aber unbedingt negativ. Die Geburten meiner Kinder waren natürlich wichtige Stationen, wie wohl für alle Eltern. Aber im Grunde gibt es keine richtig prägnanten Stationen in meinem Leben. Alles geht fließend in einander über und man wächst mit seinen Aufgaben. Was mich nachhaltig beeindruckt ist die vergangenheit meiner Familie. Es gab einfach zu viele “Zufälle”, ohne die ich gar nicht am Leben wäre.
Die Eltern meiner Ur-Oma bekamen zwölf Kinder. Alle sind irgendwann verstorben. Dem zwölften Kind nahm sich der Vater an und zog es groß, das einzig Überlebende. Das war meine Ur-Oma. Meine Ur-Oma flüchtete vorm Krieg aus Ostpreussen mit ihren fünf Töchtern und hatte schon einen Platz auf einem der zwei letzten Schiffe, da sie dort jemanden gut kannte … Leider kam sie zu spät und das Schiff war nicht mehr da. Der Kapitän des anderen nahm sie trotz Überfüllung mit. Das erste Schiff ist gesunken. Schicksal oder Zufall? Unter ihren fünf Töchtern war meine Oma. – Ich bin also kein Zufall!
5. Gab es besondere Glücksmomente oder Schicksalsschläge in ihrem Leben? Wie würden Sie diese beschreiben. Was hat Ihnen bei der Verarbeitung geholfen?
Richtige Schicksalsschläge gab es zum Glück nicht in meinem leben. aber mein bester Freund starb als ich 15 Jahre war. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir jemand bei der Verarbeitung geholfen hat. Aber die Zeit heilt alle Wunden.
Das Glück meines Lebens sind mein Ehemann und meine zwei Kinder und wie wir uns verstehen. Wenn man als Familie eine Einheit bildet, dann kann einem so schnell nichts aus der Bahn werfen.
6. Haben Sie einen Lebenstraum? Wo befinden Sie gerade bei der Erfüllung dieses Traums?
Mein Lebenstraum war schon immer ein Kinderheim zu eröffnen. Als ich noch ein Kind war, sollte es eins in Afrika sein. Ich wollte schon immer den Kindern dieser Welt helfen – irgendwie. ich befinde mich noch mehr als am Anfang dieses Traumes und kompensiere es derzeit, indem ich im Tierschutz mitwirke. Es fehlen halt die finanziellen Mittel.
7. Auf was sind sie besonders stolz – beruflich und menschlich? Was würden sie heute anders machen?
Stolz bin ich auf mich, weil ich bereit bin, für Ziele jenseits meiner eigenen kleinen heilen Welt zu arbeiten. Ich drehe mich nicht nur um mich selbst. Es gibt Menschen, die sind schon damit überfordert, sich um sich selbst zu kümmern. Es gibt so viel Elend auf dieser Welt, wenn jeder nur ein bisserl mithelfen würde, wäre so vieles anders.
Anders machen würde ich manch eine Begegnung und Entscheidung. Der Umgang mit Menschen ist nicht immer leicht und man wird oft enttäuscht. Ich wäre an manch einem Punkt gerne mißtrauischer gewesen. Aber letztendlich lernt man aus allem.
8. Welchen Rat würden sie einem jungen Menschen heute geben, der gerade ins Leben startet?
Sei wachsam und höre auf deine Intiuition. Und nimm jedes Wissen mit, was dir geschenkt wird. Es gibt auf dieser Welt kaum etwas umsonst und Wissen ist Macht.
9. Haben Sie Erfahrungen mit Gott oder dem Übernatürlichen gemacht?
An Gott kann ich nicht glauben. Ist mir alles zu unlogisch und nicht nachvollziehbar was in der Bibel steht. Ich hab meine Kindheit hindurch freiwillig am Bibelstudium teilgenommen und mich gegen den Glauben an Gott entschieden.
Aber ich glaube schon an die Macht des Glaubens bzw. der Gedankenkraft der Menschen und an Übersinnliches. Also nicht übernatürlich, sondern übersinnlich. Ich erwähnte in einer anderen Antwort den Tod meines besten Freundes. Zwei Wochen zuvor sprachen wir in unserer Clique übers Sterben.
Ein Einwurf von mir zu meinem Freund war: “Es kann ja auch sein, dass du in zwei Wochen an einem Autounfall stirbst … man weiß doch nie wie es kommt.” Exakt zwei Wochen später starb er an einem Autounfall, als Beifahrer. Er hatte noch nicht einmal einen Führerschein.
10. Was ist ihr Lebensmotto bzw. Lieblingszitat?
Geht nicht gibts nicht. Jedem sein Leben leben lassen. Wir irren allesamt, aber jeder irrt anders
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Vielen Dank, Jeannine, dass Sie auf die Anzeige bei Kijiji reagiert haben. Wir wünschen Ihnen, dass mehr finanzielle Mittel kommen, damit Sie sich die großen und kleinen Wünsche in Ihrem Leben erfüllen können. Vielen Dank für die Offenheit in ihren Antworten. Bleiben Sie weiter so offen für das Leben.
Buchempfehlung von Jeannine: Herr Lehmann
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Günther, www.inunsererstrasse.de
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Bild: © Gerd Altmann, pixelio.de



…ein schöner Bericht! …am Besten hat mir gefallen dies….. „Sei wachsam und höre auf deine Intiuition. Und nimm jedes Wissen mit, was dir geschenkt wird. Es gibt auf dieser Welt kaum etwas umsonst und Wissen ist Macht.“…..