Was ist der Sinn des Christentums, wenn es ausgewiesenermaßen keinen Nutzen hat? – Dies ist keine rhetorische Frage. Vielmehr handelt es sich um eine “der” Grundfragen in den meisten Seelsorgegesprächen. Nicht immer ist die Antwort: “Wird schon werden!” Menschen in einer solchen Situation haben oft ähnliche Gedanken im Herzen wie David, der sich auch oft mit dieser Frage auseinandergesetzt hat:
“Gott ich habe schon keine Tränen mehr, solange warte ich auf dich. Was hat es mir gebracht, dass ich mich für einen Weg mit dir entschieden habe? Ich bin verachtet, ohne Einfluss und geistlich am Ende. WARUM?”
Am Schmerzhaftesten sind diese bohrenden Gedanken, wenn eine Person eigentlich alles richtig gemacht hat: Sie hat den gesunden Menschenverstand eingeschaltet und ist aktiv geworden, hat auf dem Weg nicht alles auf die Goldwaage gelegt, hat viel gebetet, dem Wort Gottes und seinen Verheißungen vertraut und ist geduldig gewesen.
Und dennoch: Keine Ergebnisse werden sichtbar, es gibt keine Gebetsantworten und die Hoffnung wird langsam schal. – Andere sind ohne Gott erfolgreicher, beliebter, begabter und sind voller gedanklicher und materieller Möglichkeiten.
Schön wäre es, an dieser Stelle jetzt sagen zu können: “Tja, aber im Endeffekt, es mag ein wenig dauern, wird derjenige, der an Gott glaubt ,aber erfolgreicher, beliebter und reicher als die anderen werden.” Der Realität entspricht es leider nicht immer.
Selbstmitleid eines erfolglosen Beters
Und noch schlimmer! Weil dieser erfolglose Beter ja auf Gott vertraut, setzt er – zumindest im Idealfall – nicht die fiesen und manipulativen Tricks der anderen ein. Auch wird er sich seinem Ego und seinen verschiedenen Trieben und Gelüsten nicht so hingeben können, wie jemand, der eben das macht, zu was er Lust hat. Eigentlich möchte man einen solchen Christen bedauern. Kein Gerüchtestreuen hintenrum, keine fünf Sexualpartner pro Jahr, keine halbseidenen Steuertricks und netten Notlügen, keine Gebeterhörungen und in den Augen vieler ein bedauernswertes Stück Elend.
Geistliche Überlegenheit
Besonders glaubhaft ist ein solcher Mensch für andere nicht! Wenn er über “seinen tollen Gott” spricht, wirkt dieser Gott dann nicht viel besser. Der letzte Ausweg, den die Religion an dieser Stelle bieten könnte, wird damit immer mehr verstellt: Die Sinn- und Deutungsmacht, zu was denn diese Welt nun gut sei, weil man ja mit dem allmächtigen Gott in engem telefonischen Kontakt steht.
Dieser Ausweg könnte in etwa suggerieren, dass man zwar nicht mit seinem Leben fertig wird, dieses religiöse Programm aber mit tollen Haltungsnoten absolviert. Man weiß exklusiv von Gott, zu was das alles gut ist und wie die Welt geistlich tickt. Oft ist diese Haltung religiösen Stolzes daran zu erkennen, dass mantraartig wiederholt wird, das Gott dies oder jenes gesagt haben soll, das folgende meint und denkt. Als wenn Gott Wortdurchfall hätte!
Was nun?
Was ist der Sinn des Christentums genau in dieser Situation. Lohnt es sich dann überhaupt noch, sich für die Sache Gottes einzusetzen oder ist das dann nur noch eine zusätzliche Last? Ist das Christentum nur eine Pflicht ohne Nutzen?
An dieser Stelle angekommen, gibt es nur noch zwei Wege, die ein Mensch mit diesem Erfahrungshintergrund gehen kann.
1. Entweder teilt er sein Leben in zwei getrennte Bereiche auf, in denen das christliche Leben und das weltliche Leben wie zwei partitionierte Festplatten auf einem Rechner ein voneinander unabhängiges Eigenleben führen.
2. Oder er begegnet so wie David wirklich Gott in all seiner Nackheit und Verletztheit.
Eine schonungslose Begegung mit Gott
Wenn erst einmal alle Auswege und Ablenkungsmöglichkeiten abgeschnitten sind, dann bleibt nur der Mensch und Gott zurück. Der Kern der Frage muss zwischen den beiden alleine beantwortet werden.
Dann ist vielleicht das einzige Gebet nur noch: “Gott, was soll das eigentlich mit dir und mir?”
In der Gegenwart Gottes kommt dann die Zeit der Ehrlichkeit:
“Ja, ich war nicht so sündhaft wie viele andere. Doch vor dir erkenne ich langsam meinen versteckten Stolz. Ich bin im Grunde nicht anders als die anderen. Ich wollte meine Sehnsucht nach Macht, Ehre, Geld und Einfluss nur auf geistlichem Wege erreichen. Trotz aller Ehrlichkeit war ich nicht wirklich an DIR interessiert. Ich wollte an erster Stelle Gebetserhörungen und gar nicht dich.”
Vielleicht ist dann die erschreckenste Erkenntnis, dass das eigene Herz mit Bitterkeit, heimlichen Zorn und Konkurrenzdenken vernarbt ist. Oder man nimmt wahr, dass das eigene Herz voller Furcht und Sorgen ist und die Macht des Mammons viel mehr Macht über einen hat als man das für möglich gehalten hätte.
Sicherlich kannte man schon vorher seine Ängste und Sorgen. Aber erst in einer solchen Begegnung mit Gott kann die ungeschminkte Wahrheit wahrgenommen werden. Es wird einem klar, dass durch die Furcht und die Ängste die Liebe Gottes regelrecht zurückgestossen wurde, weil man süchtig nach der Anerkennung anderer war:
Nun können andere Fragen gestellt werden: “Wieviele Götzen habe ich in meinem Herzen wohnen lassen? Herr wie siehst du mich? Was musst du nur empfunden haben?”
Gottes Herz
Es wird einem klar, dass es einem relativ egal war, was Gott gefühlt hat. Wir erkennen intuitiv, wie wir seine Liebe und seine Geduld durch unseren Ungehorsam immer wieder in Frage gestellt haben. Auch in Gottes Herz werden wir dann Wunden wahrnehmen, die wir ihm zugefügt habe.
Gleichzeitig wird uns Gott dann aber seine Liebe erklären. Warum er Jesus als Opfer für unsere Sünden gegeben hat, um all diese Ferne zwischen ihm und uns aufzuheben. In Gottes Herz werden wir den Wohlgeruch seiner Vergebung spüren.
Die Antwort, zu was das Christentum nun gut sei, wird an Bedeutung verlieren und eine ganz andere Perspektive erhalten. Gebetserhörungen, Ehre und Wohlergehen sind gut, Beten und der Einsatz für das Reich Gottes ebenfalls. Doch darum geht es nach einer solchen Begegnung gar nicht mehr. Es geht noch nicht einmal um moralische Unfehlbarkeit. In Wahrheit geht es um das Herz Gottes, das sich nach unserer Liebe sehnt. Es geht darum, dass wir Gott mit unserer Liebe Freude bereiten. Wir tun gerne, was ihm Freude bereitet.
Im Alltag können wir plötzlich glaubhaft, ganz unabhängig von unserer Lebensituation, einem anderen Menschen von der Sehnsucht Gottes nach ihm erzählen. Wir geben es weiter, weil wir diesen Gott lieben und sein Herz kennengelernt haben. Und wir wissen, dass er diesen Menschen ebenfalls mit sich versöhnen möchte.
Nach einer Nullpunkterfahrung mit Gott
Dann werden wir auch Hiobs Worte am Ende seiner Leidenszeit besser verstehen. Beim Lesen der folgenden Passage sollten wird dabei im Hinterkopf behalten, dass Gott zuvor 41 Kapitel lang nicht müde wurde zu betonen, dass das Leiden Hiobs nicht die Strafe für Sünden ist und dass Hiob in seinen Augen ein Gerechter ist:
Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach: Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!« Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche. (Hiob 42,1-6)
Wer aus einer solchen Begegung mit Gott kommt, wird Bibelverse wie aus 1. Petrus 4 mit ganz anderen Augen lesen. Bibelverse, die scheinbar vorher gar nicht existiert hatten:
Weil nun Christus im Fleisch gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselben Sinn; denn wer im Fleisch gelitten hat, der hat aufgehört mit der Sünde, 2 dass er hinfort die noch übrige Zeit im Fleisch nicht den Begierden der Menschen, sondern dem Willen Gottes lebe. 3 Denn es ist genug, dass ihr die vergangene Zeit zugebracht habt nach heidnischem Willen, als ihr ein Leben führtet in Ausschweifung, Begierden, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei und gräulichem Götzendienst. 4 Das befremdet sie, dass ihr euch nicht mehr mit ihnen stürzt in dasselbe wüste, unordentliche Treiben, und sie lästern; 5 aber sie werden Rechenschaft geben müssen dem, der bereit ist, zu richten die Lebenden und die Toten. 6 Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, aber nach Gottes Weise das Leben haben im Geist … Ihr Lieben, lasst euch durch die Hitze nicht befremden, die euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Seltsames, 13 sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt. 14 Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch. 15 Niemand aber unter euch leide als ein Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als einer, der in ein fremdes Amt greift. 16 Leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht, sondern ehre Gott mit diesem Namen. 17 Denn die Zeit ist da, dass das Gericht anfängt an dem Hause Gottes. Wenn aber zuerst an uns, was wird es für ein Ende nehmen mit denen, die dem Evangelium Gottes nicht glauben? 18 Und wenn der Gerechte kaum gerettet wird, wo wird dann der Gottlose und Sünder bleiben? 19 Darum sollen auch die, die nach Gottes Willen leiden, ihm ihre Seelen anbefehlen als dem treuen Schöpfer und Gutes tun.
Am Ende von Hiob lesen wir, dass nachdem Hiob seine Lust am Herrn hatte (Psalm 37,4), Gott ihn auch wieder materiell und mit Ehrenbezeugungen gesegnet hat:
Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und der HERR gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte. 11 Und es kamen zu ihm alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle, die ihn früher gekannt hatten, und aßen mit ihm in seinem Hause und sprachen ihm zu und trösteten ihn über alles Unglück.
Wenn die folgende Antwort nicht zu vorschnell gegeben wird, dann wird sie mit großer Zuverlässigkeit immer eintreffen: “Mit Gott wird es ganz sicher wieder werden.” Mit David werden wir sagen können, dass die Gottlosen wie das schnellverdorrende Gras auf der Wiese sind, wir aber im Hause des Herrn als Baum für immer eingepflanzt sind. Der Sinn des Christentums ist die Beziehung mit Gott in Jesus. Alles andere ist nur Beiwerk.
Günther, Cafe-Inmeinerstrasse.de
p.s Dieser Artikel behandelt besondere Phasen in der Beziehung mit Gott. Es gibt Zeiten, in den Gebeterhörungen und Handlungen im Glauben sehr leicht erscheinen, manchmal wirkt es allerdings phasenweise aber sicherlich für viele auch so als sei Gott drei Galaxien entfernt.
Bild: © Gerd Altmann, pixelio.de
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